Ruhe nach dem Sturm. Die Baumwollernte ist vorbei, die Baumwollkinder sind wieder in ihren Heimatdörfern und auf einmal ist abends wieder die idyllische San-Pedro-Stille eingekehrt. Unterstützt natürlich wie immer durch den ein oder anderen Stromausfall.
Nach ein paar Tagen dann doch ein bisschen barbarischer Hitze kündigt sich dann auch schon langsam der Herbst an, und nachts wird es wieder kühl unter den Funkelsternen. Der Fratz ist mit Kerstin, der anderen Voluntärinnen-Katze, ganz offenbar auf Roadtrip in den Dünen unterwegs, und ich muss mich ersatzweise an meine Aniapuppe kuscheln.
In einer Woche ist das Weltwärtsprogramm um, also 6 Monate sind seit meiner Ankunft vergangen. Und zwar ganz schön fix. Ich könnte durchaus noch eine Weile hierbleiben. San Pedro ist schon ein sehr hübsches Fleckchen Erde, trotz manch ekliger Ecken (die Abwässergräben und die Mülllagune zum Beispiel). Aber man genießt den Schatten viel mehr, wenn überall die Sonne brennt, und überall laufen Tiere rum, und Vögel singen zu jeder Tages- und Nachtzeit, der Sand in den Dünen ist einfach unglaublich weich und warm und angenehm, und der Himmel überm Cerro hat jeden Abend eine andere megastarke Färbung. Und auch wenn vor Ort eigentlich niemand meine Arbeit ernstnimmt (wenn ich auf TiNiRunde oder in den BoNi gehe, fragen immer alle, ob ich spazierengehe) und die Kinder echt anstrengend sein können, macht sie unglaublich Spaß. Drum scheint es den anderen wahrscheinlich nicht als Arbeit. Und es ist ja auch wahr, dass ich echt viel am Spielen bin, bloß die Wichtigkeit dessen hat hier noch keiner erkannt. Überhaupt, Kindheit als wertvoll und wichtig zu betrachten, das ist hier noch nicht so richtig angekommen. Aber jetz war ja ich da, und ich glaub die Kinder haben ein bisschen eine Idee davon gekriegt, dass sie wertvoll und wichtig sind. Und die Erwachsenen haben gesehen, dass die coolen Gringos sich um die Bäume und die Blumen kümmern, keine Angst vor der Natur haben, Kinder gut behandeln und keine Tiere essen, und nicht alle halten das für die caprichos von reichen Spinnern.
Zu der Aufbruchs- und Katze-ist-weggelaufen-Melancholie kommt jetzt auch noch, dass es Gastpapa Gilbert ziemlich schlecht geht, die ökonomischen und medizinischen Möglichkeiten eingeschränkt und in der Gastfamilie alle traurig sind. Das ist schade und auch ziemlich ungerecht, weil Gilbert und Carmen so liebe und ehrliche Leute sind, die ganz ohne Bildung hart gearbeitet haben, und jetzt geht all das Ersparte für so eine blöde Krankheit drauf. Und jeder hat so seine Art, damit umzugehen. Ich verkaufe im Dorf Knüpfbändchen, aber lustiger ist noch, was die wiedergekehrte Profesora Margarita tut. Die hat nämlich extra die Kapelle saubergemacht, um San Pedrito, also den Dorfheiligen, gnädig zu stimmen. Und dann ist sie auf einen Stuhl geklettert, um seine Hand zu nehmen und für Gilbert zu bitten. Hat sie mir ganz stolz und sehr katholisch und ziemlich ausführlich genau beschrieben.
Die Kapelle ist übrigens das schönste Bauwerk im ganzen Dorf, so schön wohnt keiner außer San Pedrito. Ironischerweise hat der Bau der Kapelle vor zwei Jahren auch einen großen Teil von dem Geld verschlungen, das Gilbert jetzt fehlt...
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