Nach der fleißigen letzten Woche habe ich mir ein langes Wochenende Urlaub in den Anden gegönnt- nach einem Monat Costa muss ich jschließlich des Blogs Namen mal gerecht werden. Lucho, ein Freund Stefanias, den sie mir als vertrauensvollen Reisebegleiter genehmigt hatte, hatte mich eingeladen, ihn zu seiner ehemaligen Arbeitsstelle in Huanta, Ayacucho zu begleiten.
Donnerstagnacht also Hinreise im bequemen Langstreckenreisebus, acht Stunden Panamericana und gewundene Bergstraßen. Lucho ist ein kleiner, kluger Peruaner mit nachdenklichen schwarzen Augen, dem es wie nur wenigen hier gefällt, wenn man sich Gedanken macht, und der auch schonmal was von Sostenibilidad hat reden hören, und so geht die erste Hälfte der Fahrt recht fix vorbei. An den Rest kann ich mich nur schwer erinnern, denn Lucho ist außerdem Arzt und gibt mir um Mitternacht ein Schlafmittel, damit ich garnicht erst auf die Idee komme, Übelkeit oder Höhenkrankheit zu verspüren. Nach anfänglicher Skepsis bin ich dann doch ganz froh darum, denn als ich einmal kurz aufwache, kann ich nicht nur die sich nächtlich auftürmenden Andenkämme im Mondschein bewundern, sondern auch den Mitreisenden bei der Widergabe ihrer Abendmahlzeit zuhören. Ich verzichte also auf die Aussicht und schlafe bis zur Ankunft durch.
In Huanta beziehen wir eine sehr hübsche Hospedaje mit Orangenbaum und riesigen Christsternen, schööönem sauberem Bad und dem obligatorischen Fernseher (bah! das peruanische Programm ist so furchtbar wie allgegenwärtig) und schlafen erstmal den verbliebenen Schlafmittelrausch aus. Frühstück in der Markthalle, die wie ein winziges uriges Kaufhaus ist, in dem jeder Laden ungefähr 5 Kubikmeter misst, so voll mit Waren ALLER Art, dass noch ganz genau eine kleine hutzelige Verkäuferin mit ihrem runden schwarzen Hut und ihrer weißen bestickten Schürze darin Platz hat. Manchmal passt auch noch ein bunt eingewickeltes Baby hinein. Ja, und dort kauft man dann frischen Papayasaft mit Milch und Zucker und Honig und Keke, süßen fluffigem Kuchen, das ist sehr lecker und halbwegs gesund, und kostet fünf Nuevos Soles, also fast nichts.
Nach diesem wunderbaren Frühstück besuchen wir die Posta, so eine Art Ärztezentrum, in der Lucho sein PJ gemacht hat. Seine Freunde dort sind sehr lustig und finden es ziemlich spannend, dass eine Gringuita sie besuchen kommt. Nachdem hier nur bis mittags gearbeitet wird, spazieren wir alle zusammen durch die Stadt, zur Plaza de Armas. Jede Stadt in Peru hat eine Plaza de Armas, ein herausgeputztes quadratisches Plätzchen mit wahlweise Brunnen, Statue oder Obelisk in der Mitte, das ist für die Orientierung sehr gut. Huanta ist kleiner, etwas sauberer, und ruhiger als Ica (aber immer noch laut und stickig!) und trotz der Höhe auf 2800 Meter schön warm, weil sonnig und von Bergen umschlossen. Trotzdem muss man hier Regen kennen, denn die Straßen haben Rinnen und die Häuser richtige, geneigte Dächer. Besonders viel sehenswertes gibt es in der Stadt selbst nicht, aber dafür die wunderbaren Anden rundherum.
Abends betrinken wir uns mit den Kollegen beim Kartenspiel, Golpeao, bei dem ich mich garnicht ungeschickt anstelle, und tanzen in der einzigen Disko im Ort, Waino, Saia, Cumbia, die Tänze der Region. Nicht allzu spannend, etwas eintönig sowohl in Musik als auch Schrittfolge.
Am nächsten Tag vertritt Lucho den nicht anwesenden Arzt in der Posta, was mir Zeit gibt, mich alleine in Huanta zu verlaufen. Ich bin weit und breit die einzige Gringa und finde auf dem Markt auch keinen passenden Hut um mein Hexenhaar zu verstecken, aber die Menschen sind lieb zu mir und erklären mir aufwändig und freundlich jeden Weg. Dabei ist es allerdings nicht unbedingt hilfreich, dass in den Bergregionen statt der international gängigen Termini "links" und "rechts" als Richtungsangaben "nach oben" und "nach untern" verwendet werden. Aber ich schlage mich durch. Ha. Den Nachmittag verbringen wir in einem Recreo, einem Ort außerhalb der Stadt, in dem unter schattenspendenen einheimischen Bäumen hölzerne Sitzgarnituren stehen und mit Saia beschallt werden, und man wird mit regionalen Spezialitäten bewirtet. Ich esse Trucha, einen Lachsartigen Fisch, der hier gezüchtet wird, natürlich mit Aji (scharfer Soße), Camote (Süßkartoffel) und Chicha morada (punschähnliches Gebräu aus rotem Mais, unglaublich lecker und erfrischend).
Sonntag fahren wir in den Bergen herum, nach Quinoa. Das ist ein besonderes Abenteuer, einmal weil ich erstmalig bei Tag und im Wachzustand die wunderschöne Sierra begutachten kann, und dann weil das Reisen zwischen den Bergdörfern wunderbar aufregend ist. Während man sich in der Stadt am besten mit Mototaxis fortbewegt, dreirädrigen Kabinen mit ungefiltertem Zweitaktmotor, reist man zwischen den Orten im Colectivo, richtigen Autos, die am Ausgang der Stadt warten, bis genügend Passagiere für die Pasaje zusammen sind (genügend heißt: bis das Auto voll ist, also mindestens 6, mit Kofferaum auch gerne 9 Personen). Dann geht es los, und es ist wie kaputte montanya rusa (Achterbahn) zwecks der vielen Kurven (vom Straßenverlauf so vorgesehen oder vom Erdrutsch so erzwun

gen) und Schlaglöcher, mit super Panorama. Karge, rötliche Felsen, flache Vegetation, staubige Kakteenwälder, schroffe Klippen, auf der Fahrbahn gelegentlich schwarze Schweine und fleckige Kühe, daneben hin und wieder ein Weiler mit winzigen Lehmhütten und ein paar Cultivos. Bei der Ankunft bezahlt man ein paar Soles, bekreuzigt sich noch einmal (so wie schon bei Antritt der Fahrt) und freut sich seines Lebens. Während ich bei der Hinfahrt an diesem Tag mit Gucken so beschäftigt war, war die Rückfahrt dann doch ein bisschen stressig für mich und mein Mittagessen - noch in der selben Nacht trennten wir uns voneinander. Schade eigentlich, denn es war leckeres Quinoa gewesen, ein Getreide, das in den Anden und im gleichnamigen Dorf wächst und einen für gewöhnlich gut bekömmlichen Eintopf abgibt.
Quinoa ist aber vor allem für seine Artesanía bekannt, die Handwerkskunst,

und in dem kleinen Städtchen gibt es alles, was das Touristenherz begehrt. Auf jedem Häuschen thront ein kleines tönernes Kirchlein, dass das Gebäude vor dem Einsturz bewahren soll. Desweiteren gibt es Krippen und heilige Figürchen in allen möglichen Ausführungen, vor allem aber in bunter Andentracht. Dann natürlich bunte Strickwaren aus Alpakawolle, von der ich endlich den schönen bunten Pulli erwerbe, der mir auf dem Tollwood immer zu teuer war (hier: 32 Soles nach dem Handeln, 8 Euros). Und ich kaufe eine Kena, eine sehr simple traditionelle Flöte. Vier von sechs Löchern kann ich schon schöne Töne entlocken, wobei mir die Logik der Griffweise noch immer ein Rätsel ist.
Wir klettern hinauf zum Denkmal der Schlacht von Ayacucho, wo sich in alter Zeit die Unabhängigkeit Lateinamerikas entschieden hat, ein wenig ansehnlicher, dafür riesiger weißer Obelisk, weithin Sichtbar in ganz Ayacucho. Más allá in ein Tal hinein gibt es einen groß gepriesenen Wasserfall, zu dem wir uns von schlecht genährten, aber unglaublich trittsicheren und sehr geduldig Pferden tragen lass

en. Unterwegs knüpft uns eine Andenfrau einen Sol für "Mantenimiento" (Erhalt) der Umgebung ab - trotzdem ist der Bach ziemlich zugemüllt. Aber vielleicht kaufen sie von dem Geld irgendwann noch mehr von den Basureros (Mülleimern), die keiner zu benutzen scheint... ich plantsche dennoch ein bisschen mit den Füßen im Wasser, schieße ein Foto vom Wasserfall und kriege davon Hunger auf Kuchen. Den gibt es in Huamanga, wohin uns eine weitere Höllenfahrt bringt, und es ist tatsächlich "Selva Negra", Schwarzwälder Kirschtorte! Gustatorisch aber Welten entfernt von deinem, Mama :)
Zum Abendessen gibt es Pan Chapla, Brot ohne Herz, mit Bergkäse. Sehr lecker, aber wie bereits erwähnt, muss ich das mit der Verdauung am nächsten Morgen nochmal erneut versuchen. So halbwegs mit Nährstoffen versorgt versuchen wir es heute mit einem neuen Wasserfall, von Huanta aus zu Fuß. Dabei sehen wir die kleinen Bergdörfchen mit ihren Lehmhüttchen, Felderchen und Haustierchen von

nahem, und alles ist sehr klein und sehr wild und recht idyllisch, wenn, ja wenn die Menschheit niemals je den Kunststoff und den damit verbundenen Kunststoffmüll erfunden hätte. Bäh.
Auch diese Gegend hat Geschichte, die Bewohner erinnern sich noch gut an den Terrorismus, der in den Bergen sehr ausgeprägt war. Lucho erzählt, dass er einmal mit einem Kopftuch gegen die Sonne und dunklen Brillengläsern durch die Gegend kam, was blankes Entsetzen ausgelöst hat...

Der anstrengende Aufstieg lohnt sich, der Wasserfall ist muy bonito, eiskalt, und wenn man darunter steht sieht man überall Regenbögen. Glücklichweise scheint die Sonne noch lange genug, um uns zu trocknen, dann kündigt sich der Regen an und wir rutschen den lehmigen Weg zurück nach Huanta.
Am letzten Tag sind wir in Huamanga,

der größten Stadt Ayacuchos, was man vom Mirador hoch über der Stadt fein begutachten kann. Dort gibt es außerdem frisch gemachtes Eis aus Milch, Maní (noch so ein Körnerzeug) und Zucker, was ein bisschen sonderbar, aber hauptsächlich süß schmeckt.
Bei einer Partie Inka-vs-Spanier-Schach verabschiedet sich die Sonne von meinem Urlaub und der Rest ist chemisch induzierter Tiefschlaf...