Dienstag, 8. November 2011

Duendes espinosos.

Ayacucho hat mich sehr erfrischt, und danach nach San Pedro zurückzukehren, war schon ziemlich wie nach Hause kommen. Die Kids hatten schon Angst, ich wäre in den Bergen bei anderen Ninyos geblieben. Zur Beruhigung haben wir die Woche mit einer Exkursion ausklingen lassen, zum Sähen bei einer Tante von Milenia, meiner Lieblingsschülerin; in ihrer TiVi sozusagen (Tierra de Vieja). Anschließend gings zum Brunnen, um dort die Kunststunde zu halten, Kobolde basteln aus Naturmaterialien. Kam gut an, aber die Kakteen hier haben fiese Stacheln.



Ansonsten bauen wir weiter an unserem Kompost, der schön bunt wird und diese Woche fertig werden soll, gestern haben wir zivilisiert streiten gelernt, und die Kinder haben mich von sich aus in ein Gespräch über Höflichkeit und vernünftige Erziehung verwickelt. Profesora, warum sagst du immer bitte, und danke? Was, deine Eltern haben dich nie geschlagen? Warst du denn nie malcriada (ungezogen)? Ich glaube, so ein bisschen haben sie verstanden, dass es gut ist, amable (nett) zueinander zu sein. Was ganz Neues hier, Lexmy aus der Zweiten kann das Wort "Disculpa" (Entschuldigung) nichtmal richtig aussprechen. Und am Beispiel Leslie aus der Sechsten sieht man perfekt, wie sich Mutters gewaltsamer Erziehungsstil darin abbildet, wie sie ihre kleinen Geschwister behandelt. Ich kann ihr im Good Behaviour Game garnicht genug Punkte abziehen... ein einfaches Verstärkersystem reicht in ihrem Fall ganz offenbar nicht aus. Ideas, anyone?
Bisher hab ich noch die "Gute-Beispiel-Methode" probiert. Wenn die Kleinen heulen, nehm ich sie in den Arm und singe, anstatt sie zu hauen. Erfolgswahrscheinlichkeit ist ungefähr die gleiche...

Vor lauter Persönlichkeits- und Umweltbildung kommen wir allerdings lamentablemente im Rechnen, Schreiben und Englisch nicht so gut voran. Ich habe für mich beschlossen, dass ich zur Not darauf verzichten kann, dass die Kinder rechnen können, wenn sie sich nur umweltgerecht verhalten, und nachdem mir eh keiner beim Unterrichten zuschaut, mache ich mit meinen Großen jetzt jeden Tag Projektstunde. Das macht mir und denen mehr Spaß, aber ein bisschen mulmig ist mir schon dabei - ich will doch auch Multiplikatoren schaffen, und wer nimmt jemanden ernst, der nicht vernünftig Prozentrechnen kann und nichts von Evolution weiß? Nicht dass ich das nicht durchnehmen würde, aber ich muss jede Lektion bei den Kids dreifach enkodieren, bis bei denen irgendwas ins Langzeitgedächntnis wandert...

Was sonst noch geschah: Am Wochenende war ich in Ica, Luchos Familie hatte mich zu sich eingeladen. Um die interessante Deutsche im Haus zu haben und um Stefania zu entlasten, die zwecks Nierensteinen und Gastritis (über das nicht allzu leichte Essen hier an der Costa wird es wohl mal ein Extrakapitel geben) nicht so fit ist.
Ich durfte mit Schwester Milagros kochen und backen (Kartoffelgratin und echte Schwarzwälder Kirschtorte), in peruanisch-deutscher Kooperation mit regionalen Zutaten interessant, aber zufriedenstellend, und wurde von Papa Jorge intensiv zu all meinen Ansichten in wilde, aber angenehme Diskussionen verwickelt, Todesstrafe und Freizügigkeit und so. In Deutschland gibt es doch so viele Nudisten? Uii, spannendes Terrain :D
Ich traf auf konträre Meinungen, aber ziemlich viel Offenheit und Toleranz.
Nachdem ich in den ersten Wochen sehr bedacht auf meine Akzeptanz hier war, bin ich jetzt wesentlich sicherer geworden und getraue mich auch, die Probleme im Land anzusprechen, mindestens die, die ich vor Augen habe. Es fehlt so vielen an Umweltbewusstsein, und in direkter Konsequenz ergibt sich daraus das doch recht dreckige Stadtbild von Ica mit den tausend stinkenden Mototaxis und dem knappen Wasser, das dennoch oft vollkommen sinnlos laufengelassen wird. Es mangelt bei so vielen an Bildungsfähigkeit, oft aus Familientradition, was die vielen Menschen auf der Straße erklärt, die Kriminalität, die Frauen, die aus Abhängigkeit ihre gewalttätigen oder untreuen Ehemänner nicht verlassen können. iQué feo!, und das sag ich auch so. Der Blick der weißen Frau ruht auf euch und soll euch nur recht im Nacken prickeln, wenn ihr so weitermacht.

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