Donnerstag, 15. Dezember 2011

Dos Perús

Ich war mal wieder überrascht, wie hässlich Armut sein kann, als ich heute einen Blick in das Schlaf- und einzige Zimmer meines Schülers Renzo werfen konnte. Da wohnt er mit drei kleinen Schwestern und seinen beiden Eltern, wir sprechen hier über ca. 15 Quadratmeter, und die fassen die zwei Betten und alle anderen Habseligkeiten der Familie, die zum Glück nicht so viele sind, denn es gibt keine Schränke - das Chaos wäre nur noch größer. Neben dem Haus/Zimmer gibt es einen mit Tüchern überspannten Verschlag, da ist die Küche. In San Jacinto kochen sie tatsächlich noch über dem Feuer, Gas ist teuer, aber so gehen eben die Huarangos drauf.
Ansich könnte das Leben hier die pure Idylle sein - ruhig, sonnig, mit dem im Osten thronenden Cerro im Hintergrund - wenn es frei gewählt wäre. Ich komm hier ziemlich gut klar, solange man mir sauberes Trinkwasser gibt, mit Carmens vegetarischem Essen, gelegentlich einer kalten Dusche und einer handvoll Bücher bin ich ziemlich zufrieden. (Wobei das, was ich hier mache, mit akademischer Askese vermutlich besser benannt ist, als mit dem, was das andere ist, Armut.)
Hässlich wird es nur, wenn versucht wird, upscale Western Standard zu imitieren, dreckige, hässliche Jesuskalender als Dekoration, der Versuch einer Dusche und die Plumpsklos mit den Plastiksitzen, wo hinhocken viel einfacher wär, und das ganze hässliche Plastik überall!

Und manchmal macht es mich auch ganz schön traurig, wenn ich sehe, wie schlecht hier das Miteinander funktioniert. Wie sich die Kinder anschreien, wie die Erwachsenen die Kinder schlecht behandeln, wie sehr es an Kultur mangelt, wie schon mal wild übertrieben und gelögen wird, wie man sich in seiner Armut akommodiert hat und auf Geschenke wartet, ja sogar ziemlich forsch fordert, und wie man mir immer wieder von Raub und Neid erzählt. Wenn ich sehe, wie sehr es an Kultur fehlt. Aber wer braucht schon auch ein Theater, wenn man zuhause ungefähr in jedem Zimmer zwei Fernseher hat.
Ich habe mit den Kindern angefangen, ein witziges Krippenspiel zu schreiben und zu proben, und zu den Regeln des Good Behavior Games jetzt auch noch die Einhaltung christlicher (zur Einführung hab ich eine Religionsstunde benutzt) Werte hinzugefügt. Wenn die Kinder einen Bleistift ausleihen wollen, sagen sie jetzt nicht mehr "Dame tu lapiz, pee" (Gib mir deinen Stift, ey), sondern "Serías tan amable de prestarme tu lápiz, por favor?" (Wärst du so lieb, mir deinen Stift zu leihen, bitte?). Das ist sehr schön. Wenn sie das oft genug bei mir üben, fangen sie vielleicht auch irgendwann in der Welt draußen an, sich hübsch zu benehmen.

Jetzt wo ich das so schreibe, ist es allerdings auch mal Zeit für ein dickes Cave: Es ist zwar bestimmt alles (wenigstens subjektiv ;) wahr, was ich hier von meinen Erlebnissen wiedergebe, aber es handelt sich bei vielem um punktuelle Eindrücke hier aus dem Dorf. Und ganz sicher sind nicht alle Lehrer hier so unfähig wie Pilar, nicht alle Peruaner so faul wie meine Kids manchmal, und lange nicht alle Häuser so schmuddelig wie die in San Jacinto, und man muss garnicht so weit fahren, um das zu erleben. Letzte Woche war ich zu Besuch in der Primaria von Cachiche, das ist der erste Stadtteil von Ica, wenn man von San Pedro ins Zentrum fährt. Die Lehrerin meines Nachbarn Antoni hatte mich gebeten, einen ihrer Schüler psychologisch zu begutachten. Und dort ist alles etwas anders - Cachiche ist schön, hat zwar keine asphaltierten Straßen, aber auch nicht viel Verkehr, es gibt neben den Colectivos wohl auch eine Art Bus, eine hübsche Plaza mit Blumen, und überhaupt hat jedes Haus freiwillig seine TiNi vor der Tür, und die Häuser sind zwar klein, aber aus Ziegel und ansehnlich. Die Schule ist auch klein, aber jede Klasse hat ihre eigene Lehrerin und ihr eigenes Klassenzimmer, und die sind sauber und aufgeräumt und hübsch dekoriert (wobei ich mich frage, warum die Kinder auf den edukativen Postern alle hellhäutig und blond sein müssen - Beobachtungslernen funktioniert doch besser, wenn man sich mit dem Vorbild identifiziert?). Ich kam, nach einer holprigen Fahrt im Kofferraum des Schultaxis, sehr früh an, und die wenigen Schüler, ebenfalls fast alle überpünktlich aufkreuzten, fingen an, freiwillig und ein bisschen umständlich den Boden zu putzen und zu wachsen. Es gibt Schuluniformen und keines der Kinder kommt mit erkennbar dreckigem Gesicht in die Schule, scheinen halbwegs ausgeschlafen und haben gefrühstückt. Unterrichtet wird zumindest grob nach Lehrplan (meine Kids sind in allem weit, weit zurück). Wer in San Pedro ein bisschen was von Bildung hält, schickt seine Kinder nach Cachiche. Ob aus meinen Sechstklässlern trotzdem noch was werden kann? Morgen ist die Abschlussprüfung, und als ich heute mit Leslie lernen wollte, sagte sie mir, sie hätte jetzt wichtigeres zu tun. Zum verzweifeln. Und Milenia sagt mir, sie will nicht bestehen, weil sie lieber in der Sechsten bei mir bleiben will. Zum verzweifeln, aber süß, und hält die Laune aufrecht :)

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