Tropical Rainstorm. Wir sitzen im Haus des Gastonkels, der passenderweise Abraham heisst, und koenen nicht raus, weil es wie wild regnet und stuermt und die Strassen sich ob der Ueberflutung in reine Matschpisten verwandelt haben, die einem die Flipflops ausziehen. Schoen, dass Abraham Internet hat, das ein bisschen funktioniert.
Die Tage im Regenwald gehen zu Ende, ueber Silvester will ich zurueck an die Kueste und am Strand ins neue Jahr feiern, bevor im Januar die Arbeit in San Pedro weitergeht. Ich hatte hier viel Spass und hab mich schoen erholt - wie angedeutet, ist das Leben in den Tropen durch die natuerlichen Widrigkeiten (immense Schwuele, die den Organismus laehmt und besagter Regen, der einem im Haus gefangenhält) schoen ruhig und langsam. Wir haben nur unwesentlich im Projekt weiterarbeiten koennen, weil auch der Weg zum hiesigen Bosque de Niños, der gerade im Entstehen ist, nicht geteert ist und es schon laengere Zeit trocken sein muss, damit er zugaenglich ist, und wir konnten nur einmal hinfahren. Dafuer haben wir aber gleich zwei Weihnachtsfeiern mit den Kids im Dorf gemacht, mit Chocolatada und Kuchen und Villancicos (Weihnachtslieder). Zwar ohne Geschenke, aber das find ich okay - in Peru ist es ueblich, dass reiche Leute oder Firmen an Weihnachten die Chocolatadas spendieren und haessliches Plastikspielzeug an die Kinder verteilen, aber meine Erfahrung in San Pedro hat gezeigt, dass 50% davon ohnehin nicht langer als zwanzig Minuten ueberlebt und die Niños sowieso nie zufrieden mit den Geschenken sind.
Obwohl wir nur begrenzt mobil waren, war der Aufenthalt unglaublich interessant. Erstmal war das, was ich vom Regenwald gesehen habe, ganz wunderbar, es ist wirklich so, dass man eintritt in ein unglaubliches und ohne Machete undurchdringbares Dickicht aus GRÜN. Ausser den Mosquitos kannte ich keine einzige der Millionen Arten. Lianen sind grossartige Spielgeraete und heruntergefallene Samen schoene Bastelgegenstaende. Was der Regenwald bereitwillig gibt, ist grenzenlos, wir haben im Boni frische Paranuesse und Ananas geerntet, in der Schreinerei eines Gastonkels wunderschoenes Kaobaholz bearbeitet, Karambolamarmelade gekocht und den leckersten Mangosaft ever getrunken. Der Dschungel beginnt gleich hinter dem Haus, aber auf der Fahrt hierher habe ich auch weite, garnicht mal haessliche Weideflaechen mit richtig huebschen weissen Rindern darauf gesehen, die dem Wald durch Kahlschlag oder Brandrodung abgerungen wurden. Das Boniprojekt soll dem Abhilfe schaffen, dass ein Grossteil der Kinder im Dorf die Vebidnung zur Natur vollkommen verloren haben und teilweise noch nie wirklich im Wald waren.
Lange Gespraeche mit der hiesigen Familie, in die ich auch sofort aufgenommen wurde, haben mich aber durchaus hoffnungsvoll gestimmt. Gastonkel Abraham, der im Holzbusiness taetig ist, arbeitet offenbar mit 3 verschiedenen Zertifizierungssystemen fuer sein Holz(das beruehmte FSC und zwei andere, die mir unbekannt waren), verkauft CO2-Emissionszertifikate und macht damit so viel Geld, dass er diese krasse Regenwaldvilla bauen kann, in der wir wohnen, Klimaanlage, europaeisch ausgestatteter Kueche, wunderbaren regional hergestellten Holzmoebeln und Lodgekomfort, den ich mir sonst niemals leisten wuerde. Bruder Javier und er koennen stundenlang von Naturschoenheit und nachhaltiger Forstwirtschaft sprechen, und trotz der verwegenen Bildungssituation im Regenwaldgebiet (bevor es den Interoceanic Highway gab, waren es mehrere Tagesreisen zur Uni in Puerto Maldonado) Goethe und Descartes zitieren.
Beide sind voellig begeistert von mir und Abraham wuerde mich am liebsten gleich hierbehalten, um mich in seinen Oekotourismus- und Bildungsprojekten anzustellen (ich bin offenbar erst die vierte Person mit Universitätsabschluss, die in Iñapari aufkreuzt). Aber das muss ich mir doch genau ueberlegen, so viel Begeisterung ist auch ein bisschen creepy. Und alle Ueberzeugung hat Grenzen - wenn ich hoeflich darauf hinweise, dass man noch viel mehr Emissionszertifikate verkaufen koennte, wenn man den Rechner nicht die ganze Nacht laufen laesst und das Auto nicht 10 Minuten warmlaufen laesst, bekomme ich ein mildes, uneinsichtiges Laecheln und die Phrase "Yo soy carboneutro" (ich bin CO2-Neutral), und Punkt.
Es war ausserdem auch ziemlich cool, mal wieder mit Deutschen zusammen zu sein, erst nach drei Monaten beinaher Totalkarenz wird einem klar, wie schoen die Muttersprache ist. Connie, Milena und ich verstehen uns wunderbar, wir haben lange Naechte mit dem Erfinden neuartiger Piscokombinationen zugebracht und dabei hemmungslos sinnfreie Phrasen gedroschen und alberne deutsche Wortwitze gerissen. Die meiste Zeit haben wir - abgesehen von zahlreichen netten Besuchen von Freunden und Familie - alleine auf das Haus hier aufgepasst, weil Abraham verreist war, und es entstand ein sehr lustiges WG-Feeling.
Heiligabend waren wir erst bei der Gastoma zum sehr interessanten brasilianisch-peruanischen Festessen, zu dem wir Kartoffelpuffer und Apfelmus beigesteiert haben, dann in der Dorfdisco zu peruanisch-bolivianischer Cumbia und brasilianischem Forró. Zum Glueck sind alle suedamerikanischen Taenze super einfach zu lernen, einfach von einem Fuss auf den anderen treten und wild mit der Huefte wackeln, und wir kamen wunderbar klar. Wenn auch die eigene Familie fehlt und ob der voelligen Absenz von Kaelte und Schnee die typische Weihnachtsstimmung nicht so richtig aufkommen wollte, hatten wir una buena fiesta, und ich schicke nochmal in Gedanken abrazos an alle um den Globus, con todo el amor y el cariño del mundo.
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